Einführung

Introduction, by Sara van der Heide
Timely Medidations by Henk Slager

Sara van der Heide: Introduction

Dieses Jahr markiert 25 Jahre nach der Wiedervereinigung von Ost-Deutschland und West-Deutschland. Korea ist bis heute zweigeteilt: Nordkorea und Südkorea.

“Wir wagen ein Experiment, denn wir wollen als Erste dabei sein, wenn Ihr Land beginnt, sich zu öffnen.”

Mit diesen Worten eröffnete Jutta Limbach,

die frühere Präsidentin des Goethe-Instituts am 2. Juni 2004 das "Büro für Deutsche Wissenschaftliche und Technische Publikationen“ im Informationszentrum Pjöngjang des Goethe-Instituts im abgeschlossenen kommunistischen Nordkorea. Diese außergewöhnliche Initiative war wohl zum Scheitern verurteilt und es würde nach weniger als fünf Jahren diese Bibliothek nicht mehr geben. Die Bibliotheksbestände wurden nach langwierigen Verhandlungen, die über  zwei Jahre andauerten, aufgeteilt, wobei die Nordkoreanische Regierung akademische Literatur zu Naturwissenschaften, Technik und Medizin forderte, während das Goethe-Institut forderte, dass 50% der Bestände Titel zur deutschen Kultur, Sprache, Literatur und Musik enthalten sollte. Das Goethe-Institut vertrat nicht nur die Ansicht, dass Deutschland als Beispiel für einen Wiedervereinigungsprozeß Koreas gelten könnte, sondern auch, dass Deutschland mit der Musik von Bach und deutscher Literatur einen Beitrag zur Vereinigung der zwei Koreas leisten könnte.

Aufgrund seiner zurückgezogenen Politik ist die Kommunikation mit Nordkorea sehr eingeschränkt. Es gibt zum Beispiel ein Internet in Nordkorea, aber keine Internet-Verbindung zum Rest der Welt. Daher wird unser Verständnis von Nordkorea überwiegend durch die ausländischen Mächte, besonders die Vereinigten Staaten, geprägt. Bis heute halten die Vereinigten Staaten von Amerika eine Militärbasis in Südkorea, während die Geschichte Nordkoreas von äusseren Einflüssen besonders der Kolonialisierung durch Japan geprägt ist. Nach Jahrzehnten japanischer Besatzung folgte der Koreakrieg, der in Nordkorea als ◊Vaterland-Befreiungs-Krieg“ bezeichnet wird. In China wird dieser Konflikt offiziell der ◊Krieg zum Widerstand gegen den Angriff der Vereinigten Staaten und zur Unterstützung von Korea“ genannt. Kim Il Sung, der erste Machthaber Nordkoreas, war als einer der Anführer im Kampf gegen japanische Besatzer und amerikanische Übermacht aktiv. Der Stolz auf die Unabhängigkeit von Amerika und den Widerstand gegen amerikanischen Einfluss sind bis heute tragende Säulen der nordkoreanischen Gesellschaft.
 
Während der Triennale wird die Deutsche Informationsbibliothek in der Guangdong Provinzbibliothek (China), die mit dem Goethe-Institut kooperiert, zur ‘Deutschen Informationsbibliothek Pjöngjang’ umgewandelt. Dieser Eingriff ist eine imaginäre Verwandlung der jetzigen Bibliothek und seiner geographischen Lage. Unter diesem Überbegriff werden während dieser Zeit Kulturveranstaltungen stattfinden, ganz so, wie wenn sie ein Goethe-Institut organisieren würde. Diesmal jedoch beinhaltet es eine Selbstbefragung der Bibliothek und des geschichtlichen Kontextes eines Lesesaals und untersucht mögliche Parallelgeschichten zwischen den zwei Koreas und dem früher geteilten Deutschland.

Dieses Projekt beansprucht nicht, Antworten auf komplexe politische Angelegenheiten zu geben und es versucht auch die üblichen Stereotypen über Nordkorea zu vermeiden. Hingegen möchte dieses Projekt einen kritischen Blick auf nationale Kulturpolitik und die Anwendung von soft power (weiche Macht) werfen, was in diesem Falle die Abwendung von einer eurozentrisch-kapitalistischen Erzählweise bedeutet und unter Umständen eine ungleiche Beziehung zwischen Geber und Empfänger bestätigt. Was bedeutet es, in der heutigen postkolonialen Zeit, einen deutschen Lesesaal in einem kommunistischen Land zu eröffnen? Welche Rolle spielen Kunst und Literatur in gegensätzlichen Systemen, um neue Brücken zu bauen? Die Bibliothek wird hier Raum für kritische Fragen und Platz für grenzüberschreitendes Denken bezüglich Nationalstaatlichkeit, Sprache und geographische Position bieten. 1  

Während der Triennale können Bibliothekbesucher unterschiedliche Kunstwerke im Bibliotheksraum entdecken. Bücher sind Kunstwerke und Kunstwerke sind Bücher. In der Bibliothek und während des Seminars kann man Reflektionen und Beiträge von Künstlern unterschiedlicher Generationen aus Ländern wie Deutschland, China, Nord- und Südkorea u.a. finden.

Am 13. Dezember 2015 findet ein Seminar mit Kochdemonstrationen, Musik, Gesprächen und Filmvorführungen statt.

Sara van der Heide

1. Ein wesentlicher Teil (mehr als 1/5) des Budgets des Auswärtigen Amts in 2013, ca. 800 Millionen Euro, wurden für die Pflege kultureller Beziehungen im Ausland verwendet. Die Bundesrepublik Deutschland begann nach dem zweiten Weltkrieg ein positives Bild von Deutschland aktiv im Ausland zu pflegen und eröffnete seitdem 160 Goethe-Institute – Kulturinstitute mit Angeboten zu deutscher Sprache und Kultur – in 96 Ländern. China hat im Ausland seit 2004 ungefähr 500 Konfuziusinstitute – chinesische Sprachzentren- mithilfe von Finanzierung durch die Chinesische Regierung eingerichtet.

ZEITGEMÄSSE BETRACHTUNGEN

Im Jahr 1876 betonte der deutsche Philosoph Nietzsche in seinem bahnbrechenden Essay “Unzeitgemäße Betrachtungen”, dass es nach einem halben Jahrhundert des historischen Denkens und der Erfindung der historischen Disziplin außerordentlich dringlich wäre, alle damit verbundenen kulturellen Werte und die rhetorische Rolle des Geschichtsbegriffes und seines Verständnisses neu zu überdenken.
Er war sich jedoch sehr wohl des falschen Zeitpunkts bewusst. Das neunzehnte Jahrhundert war eine Ära, in der sich der europäische Geist - wie in Philosoph Hegels ◊Phänomenologie des Geistes“ formuliert -  als Weltgeist manifestierte; eine Ära mit völlig eurozentrischer Einstellung, die komplett den Blick auf die Werte und Qualitäten anderer Kontinenten wie Asien ignorierte.

Im folgenden Jahrhundert würde sich dieser weltumfassende Anspruch durch neue Organisationsstrukturen wie Nationalstaatlichkeit, Reich und Kapitalismus  weiter manifestieren. Diese vereinten Kräfte, die dem anderen Zeitgefühl und der Wahrnehmung, die sich in der Zwischenzeit in Asien entwickelte, wenig Aufmerksamkeit  zollten.

Es ist die Fahrlässigkeit, diese vorsätzliche Leugnung von Unterschieden, die den richtigen Startpunkt der fünften Guangzhou Triennale und ersten Asien-Biennale markiert. Ihre Erzählweise konzentriert sich auf den Widerspruch, der hier untrennbar mit dem Zeitbegriff verbunden ist, so wie der koreanische Philosoph Byungchul Han es in “Müde Gesellschaft” beschrieben hat: namentlich das Selbstverständnis der westlichen, globalen oder “Weltzeit” (mit Eigenschaften wie Beschleunigung, Geschwindigkeit, Transparenz, Erschöpfung, transgressive/progressive Modernität, Ultra-Kapitalismus, Wissensproduktion und Ökonomie) im Vergleich zur asiatischen Zeit (mit Eigenschaften wie Ruhe, Reflexion, Konzentration, verschiedene Formen der Moderne und einer Betonung auf Werte und Weisheit).

Ausgehend von dieser Erkenntnis will die Triennale ein kritischer Katalysator für die Infragestellung des gegenwärtigen “Weltzeit-Standards” sein, nicht um diesen durch einen anderen Zeitbegriff zu ersetzen, sondern mit dem Versuch, eine selbstzentrierte, exklusive und expansionistische Logik, die dahinter steht und global und scheinbar untrennbar damit verbunden ist, zu beenden.

Diese Unmöglichkeit der Universalität ist das Herzstück des Projekts Die Deutsche Informationsbibliothek Pjöngjang – in der Deutschen Informationsbibliothek in der Guangdong Provinzbibliothek, die mit dem Goethe-Institut kooperiert von Sara van der Heide. Das Projekt, das an der Sun Yat-Sen Bibliothek stattfindet, untersucht die Kulturpolitik des Goethe-Instituts von vor zehn Jahren auf der Grundlage seiner temporären Zweigstelle in der nordkoreanischen Hauptstadt. Im Namen von Johann Wolfgang von Goethe, der wahrscheinlich war der letzte ◊homo universalis“ der Geschichte ist, wollte das Institut Besuchern Perspektiven und Werte zugänglich machen und diese als universell präsentieren.

Das Projekt von Sara van der Heide ist ein mehrschichtiger Ansatz der oben genannten Problematik und besteht unter anderem aus Maßnahmen, Kooperationen mit anderen Künstlern und Designern (wie beispielsweise Hans Haacke, Sora Kim und Chen Tong) und einem parallelen Seminarprogramm (mit Louwrien Wijers, Chankyong Park und Stefan Dreyer u.a.). Das Projekt sollte nicht nur als historische Rekonstruktion betrachtet werden, sondern vor allem als ein Raum für Phantasie und kritische Reflexion (in Bezug auf die expansionistische soft power der Politik), die die Relativität und Historizität der kulturellen Werte als Ausgangspunkt nimmt.

Henk Slager,
Chief-Curator 1st Asia Biennial/
5th Guangzhou Triennial

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